Dienstag, 7. Februar 2012

Neuseeland (Januar)

Erstes Ausflugsziel im neuen Jahr ist die Bay of Islands. Wann wir diese erreichen halten wir uns vollkommen offen. Zu schön ist es zeitlos zu reisen, ohne den Zwang, bestimmte Etappenziele in abgesteckten Zeitrahmen erreichen zu müssen. Mit diesen Vorzügen im Gepäck nähern wir uns in unregelmäßigen Schritten unserem Ziel, an manchen Tagen mehr, an manchen eben weniger. An schönen Flecken, die uns besonders gefallen, halten wir an, rasten oder verweilen die ganze Nacht. Und so ist das Einzige, was uns in gewisser Weise eine Richtung vorgibt, der lange Highway in den Norden. Eine angenehme Zeit, du lebst von Tag zu Tag und nimmst das Leben wie es kommt. All die Gedanken konzentrieren sich auf den Moment, keiner von ihnen verliert sich an dem, was noch vor uns liegt.


  

An einem schlecht befahrbaren Feldweg werden wir angehalten. Ein kleiner Junge, keine zehn Jahre alt, kommt aus seinem Wachhäuschen gewackelt und möchte 5 Dollar Passiergeld von uns haben. Eine richtige Preistafel gibt es sogar. Ihm fehlt mindestens ein halber Meter, um annähernd in unser Auto schauen zu können. Aus kurzer Entfernung erklärt er uns wo wir hin müssen. Wir zahlen artig und reichen ihm das Geld aus dem Fenster nach unten. Bei der Abfahrt am nächsten Morgen sind wir ein wenig verduzt. Sitzt da ein kleines Mädel in seinem Büro und assestiert. Ob sich die Beiden dort ziemlich gewitzt ihr Taschengeld verdienen, wissen wir bis heute nicht, aber sie sind wunderbar anzusehen. Eines steht jedenfalls fest, ihr Geschäft würden sie machen, denn wir sind nicht allein.
Auf Aroha Island hat es uns mitlerweile verschlagen. Die Nächte verbringen wir auf einem herrlichen Campingplatz unmittelbar am Wasser, tagsüber haben es uns die Strände von Paihia angetan. Wir liegen auf unseren Handtüchern, als ein Anruf unsere idyllische Urlaubsatmosphäre stört. Eine Dame vom Work and Income Office in Keri Keri ist am Apparat, bei der wir gestern vorstellig geworden waren. Sie bietet uns die Möglichkeit, bei einem Großbauern unterzukommen - direkt am Ninety Mile Beach. Das gibt für uns den Ausschlag. Wir verlassen Keri Keri zwei Tage später und fahren weiter in Richtung Norden. Mit einem Zwischenstopp an der MaiTai Bay, wo sich die Wellen in einem halbkreisförmigen Bogen zum Strand brechen. Richtig große sind da dabei, die einen wunderbar durchspülen und für einen Moment nicht wissen lassen, wo oben und unten ist. Genauso wie wir es mögen. Umgeben ist der Strand von seichten Hängen, die Tribünen eines Fußballstadions gleichen. Von oben kann man die gesamte Schönheit einer weitläufigen Bucht überblicken, die alles bietet. Neben großen Wellen auch ganz ruhige Stellen zwischen kleinen Felsen und Sandbänken. Am Abend ist es dort ganz ruhig, nur ein paar Möwen streiten sich um herumliegende Muscheln. Mit den Füßen kann man herrlich durchs seichte Wasser streifen, dass es den Sand aufwirbelt. Wenn man die Hände ins Wasser hält und ganz ruhig bleibt, setzt er sich auf den Handflächen wieder ab. Versuche ich die Sandkörner zu greifen, wirbeln sie im Wasser umher. Ein wunderbarer Vergleich zur Liebe wie ich finde. Und ein schöner Moment. Es fehlt an nichts. In einiger Entfernung spiegelt sich der offene Ozean, tausende Kilometer weit nichts als die Weite der See. Einmal mehr wird dir in solchen Momenten bewusst, was aus der einfachen Entscheidung diese Reise anzugehn in den letzten Monaten gewachsen ist, dass es für das noch so große Feuer den ersten kleinen Funken braucht. Eine traumhaft schöne Zeit, von der ich nicht eine einzige Sekunde missen möchte.

  

Abgestiegen, in the middle of nowhere. Wir wohnen in einem Haus, das erhöht über den Feldern und der Verpackungshalle auf einem Hügel steht. Rings herum nicht viel, außer das weite Northland. Vier weitere Backpacker, davon zwei Mädels, sind mit uns einquartiert. Um zu tanken oder einzukaufen müssen wir 40km weit fahren. Radio und 3 Fernsehsender haben wir, das ist auch schon alles. Das Haus ist super und bietet mehr als wir brauchen. Zahlreiche Schlafräume, eine große Küche und von der Terasse hat man einen herrlichen weiten Blick in die Landschaft. Tagsüber arbeiten wir auf den Feldern, oder verpacken die Ernte, die aus verschiedenen Melonen, Mais, Kürbissen und Gurken besteht. Eine harte Arbeit besonders an wolkenlosen Tagen. Keinerlei Schatten, die Sonne senkrecht am Himmel, so hoch, dass man sie kaum wahrnimmt. Weht allerdings nicht gerade eine kleine Briese vom Meer herüber, spürt man sie regelrecht auf der Haut brennen. Die Stärke der Sonnenstrahlen ist wohl durch das Ozonloch, das direkt über Neuseelnad zu finden ist, besonders ausgeprägt. Zum Glück kommt eine reife Wassermelone von der Flüssigkeitsmenge einem Getränk gleich und es ist ein Muss sich regelmäßig zu erfrischen. Unsere Kollegen sind überwiegend einfache Leute aber sehr freundlich. Bereits nach der ersten Woche könnten sie uns mit Maoris, den Ureinwohnern Neuseelands, verwechseln, denn unsere Bräune nimmt in dieser Zeit exorbitant zu. Die freundliche Arbeitsatmosphäre macht die anstrengende, manchmal bis in die Abendstunden andauernde Arbeit erträglicher. Jedesmal aufs Neue ist es gutes Gefühl, am Feierabend in die Lodge zu kommen und die verbleibende Zeit beim Abendessen, Kartenspielen, Lesen oder einer Flasche Wein ausklingen zu lassen. Der Sternenhimmel hier in Pukenui ist aufgrund der geringen Streulichtbelastung einer der schönsten, die ich je gesehen habe. Noch um Einiges prächtiger als im Death Valley von Nevada. Und vollkommen neuartig. Eine unfassbar deutlich abgezeichnete Milchstrasse und abertausende Sterne zieren den Himmel, die sich zu Sternzeichen zusammen setzen, wie ich sie nie zuvor bewundern durfte. Oft sitzen Alex und ich stundenlang im Garten und betrachten in klaren lauen Sommernächten die Schönheit dieses traumhaften Nachtspektakels.





Unsere wenige Freizeit verbringen wir an den umliegenden Stränden. Dabei haben wir die Wahl, an der Ost- oder Westküste baden zu gehen, schließlich liegen beide keine 15 km auseinander. Zur Westseite hin liegen malerische Buchten, zur Ostseite die weite Pazifikküste mit dem Ninety Mile Beach, einem gezeitenabhängig mal unheimlich breiten, mal ziemlich schmalen Strandabschnitt, den man auf seiner kompletten Länge sogar mit dem Auto befahren kann. Jedesmal aufs Neue verspürt man ein wunderbares Gefühl, wenn man das Meer das erste Mal zwischen den Dünen hindurch glitzern sieht, das Salz riechen und schmecken kann. Über kleine Pfade erreicht man dann die teilweise menschenleeren Strände. Schaut man zu den Seiten, sieht man nichts als Küste und große Wellen, die den Strand hinaufrollen. Die Kulisse verliert sich in einer leichten Trübe am Horizont. Das Meer, diese unendlich wirkende Weite, der feste Sand – solch einen Flecken Erde hatte ich mir immer zum Joggen gewünscht.
Allerdings ist die Kraft des Meeres nicht zu unterschätzen, wie Benjamin und ich zu spüren bekommen, als wir uns bei eintretender Ebbe zu weit hinaus wagen. Starke Strömungen haben uns bereits gute zwanzig Meter auseinander getrieben und nach einiger Zeit erkundige ich mich, ob alles in Ordnung ist mit ihm. Er bittet um Hilfe aufgrund nachlassender Kräfte. Ich habe wirklich Not, ihn da raus zu bekommen, muss mich losreißen, um selbst wieder Luft zu bekommen, weil ich merke, wie er sich an mir festklammert und mich bei großen Wellen ins Wasser drückt. Es ist ein elender Kampf, ohne spürbar Meter gut zu machen. Die rettende Küste die ganze Zeit vor Augen. Gemeinsam schaffen wir es mit letzter Kraft wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Steht man knietief im Wasser scheint es, als gäbe es zu den üblichen Gezeiten noch ein Kommen und Gehen des Meeres in wesentlich kürzeren Intervallen, so stark ist der Sog des Wassers hinaus auf die See, nachdem einige Wellen ihre Energie am Strand verloren haben und den Wasserspiegel schlagartig ansteigen lassen. Wir sind heilfroh, wenig später wieder auf unseren Handtüchern zu liegen und das Meer, zumindest für diesen Tag, aus sicherer Entfernung genießen zu können. 
Drei Tage später springe ich dem Tod ein weiteres Mal von der Schippe, als ich auf dem Feld um ein Haar von einem Laster überfahren werde. Während der Umrüstung an unserer Erntemaschine kommt ein LKW in meinem Rücken wie aus dem Nichts angerauscht. Im letzten Augenblick drehe ich mich um und springe zur Seite. Der Laster bleibt weniger Meter weiter im Feld stecken. Aus Wut über die Unfähigkeit des Fahrers zerschellt eine von mir geworfene Wassermelone am Führerhaus. Als der Verrückte austeigt und sich über die Sauerei an seiner Heckscheibe beschwert, vermittelt er nicht den Eindruck, als hätte er bemerkt wie knapp das war. Glücklicherweise ist er anschließend damit beschäftigt, das festgefahrene Fahrzeug mit Hilfe eines Radladers wieder frei zu bekommen und hat daher keine Zeit, sich weiter mit mir zu befassen. Gut so. Zwei zusätzliche Geburtstage im Januar kann ich also ab sofort feiern. Langsam aber sicher komme ich mir vor, als wäre das hier die Final Destination.



Bis Ende Januar wühlen wir noch auf den umliegenden Feldern rund um unsere Unterkunft. Dann beginnt die stetig glimmende Reiselust in unseren Herzen ein weiteres Mal aufzulodern. Es zieht uns weiter in den äußersten Norden. Zum Cape Reinga.
Ein Leuchtturm ziert das Cape, zu dem sich ein kleiner Pfad in einigen S-Kurven hinunter schlengelt. Rings herum, tief unten am Fuße der wuchtigen Felsablagerungen, zerschellen riesige Wellen. Zur Spitze treffen sich zwei Meere, der Pazifische Ozean und das Tasmanische Meer, die in wilden Strudeln ineinander fliessen. Diese Kulisse mit der angenehm leichten Meeresbriese unter der warmen Sonne - keine Frau der Welt würde es hier schaffen, einem Antrag zu widerstehen.
Unmittelbar vorm Leuchtturm zünden wir die erste unserer beiden Konfettikanonen an einem Entfernungszeiger. Als Symbol für das Erreichen der Nordspitze. Nach einer Nacht auf einem Zeltplatz um die Ecke erkunden wir am Folgetag die Umgebung zu Fuß. The far north – eine traumhaft schöne Ecke Neuseelands.




Donnerstag, 19. Januar 2012

Neuseeland (Dezember)

Da bin ich also. Neuseeland.
Betrachtet man einmal die Weltkarte, gibt es kaum einen Ort auf der Erde, der weiter von unserer Heimat entfernt liegt, als der Zwei-Insel-Staat. Nach langer Reise bin ich also angekommen - am anderen Ende der Welt.


Das Treffen mit Alex und Ben kommt früher als gedacht. Ein Apfel im Gepäck von Alex schlägt den Sicherheitsbeamten auf den Magen. Und so gibts nach fast 40 Stunden Anreise von Deutschland für die Beiden obendrauf noch eine Diskussion mit dem örtlichen Zoll. Der Apfel bleibt da, alles wieder in bester Ordnung. Viel wichtiger: Der Weg nach draussen ist frei. Der Weg, um unser gemeinsames Ziel in die Tat umzusetzen..
Durch den Kontakt mit den Beiden wird mir bewusst, wie viel Hektik, Erwartungshaltung und Planungswille sie mitbringen. Hinter ihnen ein langer Flug, vor ihnen nicht ein einziger Termin, auf ihnen keinerlei Druck. Einzige Aufgabe: Zeitlich völlig flexibel in ein wenige Kilometer entferntes Hostel zu gelangen um sich dort ein paar Tage zu akklimatisieren. Wie Urlaub sollte es hier eigentlich sein, so unglaublich einfach wäre es, sich zurück zu lehnen und die Dinge laufen zu lassen. Aber an dieser Stelle tritt eine Situation ein, die, so glaube ich, für viele eine wirkliche Herausforderung darstellt: Einmal wirklich nichts zu tun. Gar nichts.
Die Italiener sprechen von „la dolce farniente“, dem „süßen Nichtstun“, ohnehin sind sie Meister des Genusses. In Asien spielt die Meditation eine tragende Rolle. Das diese Reise für mich die Möglichkeit bietet, eine völlig andere Seite kennen zu lernen, zur Ruhe zu kommen und ein gänzlich anderes Leben zu führen, wurde mir erst in Asien wirklich klar. Das sie auch die Chance ist, einen ungeliebten Teil seines Selbst hinter sich zu lassen. Einige ungliebte Eigenschaften, an denen es gilt zu arbeiten. Zwar hatte ich mir mit der Buchung des One-Way Tickets bereits im Vorfeld maximale Freiräume geschaffen, aber diese wirklich schätzen zu können lernte ich erst im Laufe der Tour. Bewusst und unbewusst begann ich, mein Leben in gewisser Weise auf den Prüfstein zu stellen, zu experimentieren und Neu gelerntes anzunehmen. Der Fokus verschob sich dabei zunehmend von dem, was noch vor mir lag zu mir und dem Moment. Bewusstsein und Genuss begannen meine Tage mehr und mehr zu prägen als Planung und Erwartungshaltung. Step by step beginnst du deibei deinen Geist zu öffnen und ihn mit wahrem Reichtum zu füllen. Weit im Hinterland, umgeben von traumhaft schöner Natur und in völliger Abgeschiedenheit, hast du keinen Plan, hier kannst du dich jedem Rythmus hingeben der gerade erklingt. Hier sprürst du, wie sehr du es vermisst hast, weit oben in den Bergen auf einer Brücke zu stehen und leichten Nieselregen auf der Haut zu fühlen oder am Meer zu liegen, dem Rauschen der Wellen zu lauschen und die warmen Sonnenstrahlen einzufangen. Hier spürst du, wie sehr es einem gefehlt hat, ein Teil zu sein, von Wasser, Wind und Sky.


In den folgenden Tagen besteht unsere hauptsächliche Beschäftigung darin, nach einem fahrbaren Untersatz Ausschau zu halten. Ein Bulli soll es schon sein, also ein Transporter, in dem wir alle Drei Platz finden werden. Um uns einen Überblick zu verschaffen, klappern wir zunächst die umliegeden Märkte ab, bis uns in einem Vorgarten von Penrose, einem Low-Income Viertel von Auckland, ein schneeweisser Bulli in die Augen sticht. Ein Nissan Caravan, 3L Diesel, Baujahr 1997 mit zwei Schiebetüren. Er gehört einem Autohändler auf der gegenüberliegenden Straßenseite, bei dem unser ursprünglich ausgewählter Transporter in Rot auf Grund von Rost an der A-Säule nicht über die nächste Warranty of Fitness Prüfung hinaus kommen wird. Anstatt des lahmenden Gauls entscheiden wir uns also für das Rennpferd. Autohändler Chris verkauft ihn uns mit den Worten: „If you guys wanna start today, this is your van!“ Perfekt, nehmen wir mit. Er trägt das Kennzeichen BQR413 aus dem wir seinen zukünftigen Namen „BORAT“ ableiten. Gern würden wir sofort losfahren aber startklar sind wir noch nicht, denn wir stehen vor einem komplett leeren Wagen. Chris gibt uns das OK, dass wir vor der Autowerkstatt arbeiten dürfen, stellt uns sogar das nötige Werkzeug zur Verfügung. Nach kurzer Planung bauen wir das Innere in mehreren Arbeitsschritten nach unseren Vorstellungen aus. Schritt für Schritt nimmt unser neues Schlafzimmer Gestalt an. Zuerst eine Rahmenkonstruktion mit Liegefläche, anschließend zwei passgenaue Matratzen. Zwei von uns werden oben, einer unten schlafen. Wir sind uns einig, dass vor jeder Nacht rotiert wird. Schon zwei Tage später ist alles fertig.





Wir sitzen wie auf heißen Kohlen und wollen endlich losfahren. Klar, wer träumt nicht davon, im eigenen Wagen ein unbekanntes Land zu erkunden. Wohin? In den Norden wollen wir, zum Cape Reinga, dem nördlichsten Punkt Neuseelands. Wir erweitern unser Equipment um zwei Gaskocher und einen Holzkohlegrill. Hinzu kommt der ganze Kleinkram wie beispielsweise Kartenmaterial und Essutensilien. Wir sind eigentlich startklar, als eine Info von der kleinen Arbeitsvermittlung unseres Hostels die Pläne auf den Kopf stellt. Im Südosten, in Hastings, soll es Arbeit geben. Wir schauen uns überlegend an. Nach dem Bullikauf wäre Liquides in der Urlaubskasse gar nicht so verkehrt und bis Hastings ist es auch ein Stück, eine erste Ausfahrt können wir also trotdem unternehmen. Das überzeugt uns. Um nicht die gesamte Strecke an einem Tag bewältigen zu müssen, wählen wir auf der Landkarte willkürlich einen See auf halber Strecke aus, den Lake Arapuni.
Am Abend vor der Abfahrt streikt Borat. Nichts zu machen. Im Autohaus hatten sie extra noch den Starter getauscht, der wohl wieder Probleme macht. Resignation. Am kommenden Morgen probieren wir erneut. Er geht an. Auf Nummer sicher fahren wir in die Nähe unseres Händlers und verbringen dort die erste Nacht im mobilen Zuhause. Einen Tag später bekommen wir Borat nach erneuter Durchsicht zurück. Er läuft, der Startschuss fällt verspätet. Am frühen Vormittag verlassen wir Auckland in Richtung Süden. Es wird ländlicher, die Landschaft demnach grüner und grüner. Weit kann es nicht mehr sein zum See. Um uns herum ein faszinierendes Licht durch die tief stehende Sonne. Schafe und Kühe grasen auf saftig grünen Wiesen direkt neben der Strasse. Neuseeland, einfach wunderwunderschön. Genau wie unsere Übernachtungsstelle unmittelbar am See, in dessen Mitte eine kleine Insel aus dem Wasser hervor schaut. Wenig später geht die Sonne zum Abendessen unter. Zwicken müsste man sich, unser eigener Bulli. Das ging aber fix, wir sind gespannt.





Am nächsten Morgen bin ich schon früh auf den Beinen. In völliger Stille schwimme ich zum gegenüberliegenden Ufer. Über der Wasseroberfläche eine milchige Nebeldecke. Fast unheimlich wirkt die gespenstische Ruhe. Mit dem Bad als perfekten Wachmacher fahren wir alsbald weiter, besuchen eine Garnelenfarm, in der man mit einer Angel versuchen kann, ein paar von den leckeren Dingern zu erwischen und erreichen Lake Taupo, Neuseelands größten See, um dort die Nacht zu verbringen. In einer kleinen Nische, umgeben von Bäumen direkt am Wasser. Wir spüren, das kann was Großes werden.

Keine 24h später stecken wir fest. An der Ostküste Neuseelands in einem Kies-Sandgemisch. Bei der Suche nach einem Stellplatz für die Nacht wagen wir uns zu nah ans Meer heran, schon ist es passiert. Zwar wirkt die Situation streckenweise aussichtslos, aber keiner von uns erweckt den Anschein der Resignation, es wird keine andere Möglichkeit zugelassen, als das er da raus muss. Die Bärenkräfte einer alten Frau sind nicht genug, aber wenig später ist er wieder frei. Mit der Hilfe von zwei Belgiern, die wir danach gleich auf ein Bier einladen.
Tag zwei der Arbeitssuche kann also eingeläutet werden. Bevor es losgehen kann, entledigen wir Benjamin noch seiner Haare. Einheitliche 5mm zieren nun sein holdes Haupt.
Trotz des tollen Sommerschnitts erweist sich die Jobfahndung auf eigene Faust schwieriger als erwartet. Wir kommen nicht umhin, in einem Hostel einzuchecken, das unmittelbaren Kontakt zu den zahlreichen Orchards hat. 26 Leute sind inklusive uns einqaurtiert. Wenige Stunden später haben wir alle einen Job. Auf einer Apfelplantage zum „Apple-Thinning“. Die ersten zwei Tage gibt es zur Eingewöhnung den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn, der uns ungefähr $12 netto pro Stunde einbringt. Dann gehts weiter im Akkordlohn. Selbst unser Vorgesetzter Jeff ist wohl ein wenig überrascht, wie schnell wir auf einmal arbeiten können. Unsere Aufgabe besteht darin, die großen Apfelbündel auszudünnen und je nach Art einzelne Äpfel oder Apfelpärchen stehen zu lassen. Bis Weihnachten arbeiten wir an Bäumen der Sorte Fidji, Galaxy, Pink Lady und Royal Gala. Wir erarbeiten uns ein gutes Polster für die bevorstehenden Feiertage.


Im Hostel gibts immer wieder tolle Küchenzeremonien. Chinesen, Thailänder, Franzosen, eine Amerikanerin und auch Deutsche versuchen sich an verschiedensten Speißen. Auch spielen wir Rugby gleich um die Ecke, wobei sich Benjamin und ich als Flügelläufer und Abwehrrecken auszeichnen können. An freien Tagen machen wir Ausflüge, so zum Cape Kidnappers, das nur bei Ebbe erreichbar ist. Die schroffe Felsenlandschaft ist beeindruckend. Auf dem Heimweg können wir über bestimmte Strecken nur noch waden, denn das Wasser kommt zurück. Langsam und gleichmäßig verschwindet der Sand und das Wasser schlägt wieder gegen die dahinter aufragenden Felsen.





Durch die schmalen Schlitze unserer Picknickbären-Vorhänge drängen sich die ersten Sonnenstrahlen. Ich wühle mich aus dem Schlafsack und setze einen Fuß auf den bereits aufgeheizten Asphalt. Leise schließe ich die Tür, denn Alex und Ben schlafen noch. Heute ist Weihnachten, der 24. Dezember. Ein Ereignis, dass man sich regelrecht ins Gewissen rufen muss, denn Weihnachtsstimmung kommt hier bis auf unsere Weihnachtsmützen und unseren kuscheligen Santa nicht auf. Die Stellplätze um uns herum, die gestern allesamt noch frei waren, sind großenteils durch weitere Bullis belegt. Ich schnappe mir einen Klappstuhl und setze mich runter an den See. Einige Kinder spielen am Wasser. So unmittelbar nach dem Aufstehen blicke ich ein wenig verschlafen über dieses herrliche Panorama. Blauer Himmel und glasklare Sicht, auf der anderen Uferseite ragen die schneebedeckten Gipfel des Tongario Nationalparks empor. Tief atme ich ein. Die Ruhe wird bald durch ein kreisendes Propellerflugzeug gestört, das wenig später in der Mitte des Sees aufsetzt und langsam in meine Richtung treibt. Dicht neben mir legt es an. Diese Kulisse könnte besser nicht sein, um auf den heutigen Tag einzustimmen, denn unser Weihnachtsgeschenk haben wir in Form eines Skydives gebucht. Wir haben uns also entschlossen, in 12.000 Fuß Höhe aus einem Flugzeug zu springen und mit mehr als 200 km/h in Richtung Erde zu rasen. Die Voraussetzungen sind mit dem heutigen Wetter absolut perfekt.
Im Bulli machen wir uns nach einer Tasse Kaffee auf den Weg zum Flugplatz. Am Himmel trudeln bereits Fallschirmspringer zur Erde. Nachdem alle vollzählig sind, gibts Instruktionen im Office. Zwei Fallschirme hat jeder Springer, den Hauptschirm und einen kleineren Notschirm, eine letzte Chance, die harte Rückkehr auf festen Boden zu verhindern. Unser Instruktor meint, im Falle des Notschirms könne man sich glücklich schätzen: “Until the second one is open, you can fly longer. And the best thing is, without any charge.“ Alle Sprungwilligen sind nicht gerade von den Hockern gerissen.
Wenig später sitzen wir im Flugzeug. Auf schmalen Bänken, dicht aneinander gereiht jeweils ein Schützling und sein Sprungguide. Ich werde mit Liam springen, der mit über 2000 Sprüngen die notwendige Erfahrung besitzen sollte. Da ich das Flugzeug als Letzter bestiegen habe, sitze ich ganz vorn, direkt neben der Luke. Der Absprung wird in umgekehrter Reihenfolge durchgeführt. Ich habe also das undankbare Los gezogen, als Erster raus zu dürfen. Kontinuierlich klettert der Höhenmesser des GPS-Gerätes nach oben und gibt wieder, was der laut arbeitende Propeller bereits an Arbeit verrichtet hat. Es geht immer weiter rauf, die ersten Wolken sind nun schon mit uns auf einer Höhe. Mein Guide klopft mir auf die Schulter: „Get ready mate and prepare for the jump!“ Wir sind auf Absprunghöhe. Er klingt mich ein, checkt ein letztes Mal das Equipment, dann geht die Luke auf. Keine 10cm neben mir gehts nun tief nach unten, wild pfleift mir der Wind um die Ohren. War ich bis zu diesem Zeitpunkt überrascht, wie entspannt ich das Alles aufnehme, ist mir nun ein wenig flau im Magen. „You wanna jump?“ Die Frage kommt genau zur richtigen Zeit und reißt mich aus meinen Bedenken. „Yes, of course!“ Mein Liveguard schmunzelt, lehnt sich nach hinten und hebt mich über die Kante nach draußen. Mein Herz spüre ich wummern, tief da drinnen. Ich winkle die Beine an, lehne den Kopf nach hinten, dann lässt Liam die Griffe los und lässt uns fallen. Ein unbeschreibliches Gefühl. Alles ist so weit weg, übrig bleibt totales Glück. Nach einer Drehung sehe ich für einen Moment das davon fliegende Flugzeug, das sich wie eine Momentaufnahme einbrennt. Gleich danach bekommt uns Liam stabil und wir fallen in Richtung Erde. Wolken kommen näher und näher, bis wir durch sie hindurch rauschen. Fast symbolisch habe ich das Gefühl in diesem Moment so richtig angekommen zu sein in Neuseeland. Von jetzt auf gleich offenbart sich auch eine traumhafte Sicht, die sich kurz darauf noch entspannter genießen lässt, als Liam den Schirm zieht. Nach einem kurzen Ruck gehts ganz langsam zurück zur Erde. Das Grinsen verschwindet einfach nicht aus meinem Gesicht. Und auch Alex und Ben, die wenig später am Boden eintreffen, geht es genauso.

 


Highway 1 führt uns in Richtung Norden. An einem Wasserfall, in dessen Nähe wir die Nacht im Bulli verbringen wollen, treffen wir Brad. Er kommt aus Washington, im Nordwesten der United States. Zu Fuß läuft er einen teilweise dokumentierten Trail quer durch Neuseeland ab. Allein. Bis auf ein paar Kleinigkeiten hat er nur das Nötigste bei sich. Ein Zelt, einen Multifunktionskocher und eine Tüte Haferflocken. Wo wir herkommen möchte er noch für seine Internetseite wissen: „Jena, Thuringia - the green heart of Germany“ antworten wir. Das Szenario um uns herum ist überragend. Ein Oval aus Bäumen, in deren Mitte wir liegen. Es wird dunkel und die Baumkronen zeichnen sich wunderschön am Himmel ab. Zurück am Auto sehen wir das erste Mal die Augen eines Opossums im Licht unserer Taschenlampen. Vergleichbar sind sie mit einem Waschbär. Während Benjamin schon im Auto ratzt, durchwühlt es unseren Abfall und verschwindet anschließend raschelnd im Unterholz.

Silvester verbringen wir in Whangarei. In einem Hostel mit Campingplatzcharakter steigen wir für ein paar Tage ab. In der Nguruguru Road. Meine Aussprache dieser Strasse erheitert die Dame im Taxibüro und sie lobt mich für diesen sensationellen Versuch. Da sie auf Anhieb bescheid weiß, wo wir abgeholt werden sollen, gehe ich natürlich von einem Guten aus. Sehr freundlich. Unser mitgnommenes Bier trinken wir an einem Parkplatz um die Ecke zur einzigen Partystraße bis ein Polizeiwagen auf uns zugefahren kommt. Zwei Officer steigen aus und fordern uns auf, das Bier unverzüglich wegzuschütten. In der ersten Bar, in der wir uns umschauen, schlängeln sich acht Polizisten durch die Menge. Kontrolle wird hier anscheinend groß geschrieben. Grund ist die erhöhte Zahl an Übergriffen unter Alkoholkonsum, der Aufmarsch an Polizisten wirkt dennoch übertrieben. Um Mitternacht stehen wir zwischen vielen Leuten auf der Straße und stoßen an. Ein komisches Gefühl, dies 12 Stunden vor allen Anderen zuhause zu tun. Während es dort der letzte Mittag im alten Jahr ist und sich alle bald auf die Socken machen werden, befeiern wir das Neue. 2012 - ich wünsche euch für eure Träume, Ziele und Vorhaben das nötige Glück und genügend Kraft sie zu verwirklichen.

Freitag, 30. Dezember 2011

Singapore

Singapore hat einen der spektakulärsten Landeanflüge, die ich bisher gesehen habe. Über das Meer nimmt der Flieger Kurs auf die Landebahnen. Tief unten auf der Wasseroberfläche liegen Ozeanriesen, Tanker und Containerschiffe, die gleichmäßig verteilt auf die Einfahrerlaubnis zum Hafen warten. Bei Tag schon spektakulär, ist diese Ankunft bei Nacht noch eine Spur beeindruckender.


   

Bei einem Rundgang durch die Innenstadt fallen sofort die vielen Verbotsschilder auf. Singapore ist sehr strikt organisiert. Für alles gibt es eine Regel oder ein Gesetz, bei Nichtbeachtung drohen saftige Geldstrafen. Für Essen und Trinken in Bereichen der Metrostationen werden beispielsweise $500 fällig. Wegwerfen von Müll, Rauchen in den nicht dafür vorgesehenen Bereichen oder das Füttern wilder Tiere wird mit $1000 bestraft. Vergisst man die Toilettenspülung zu benutzen, ist man mit $150 vergleichweise günstig dabei. Auch gibt es in Singapore noch die Todesstrafe. Für den Besitz von Drogen oder Brandschatzen zum Beispiel. Produkt dieser abschreckenden Massnahmen und staatlicher Kontrolle ist eine sehr saubere und gepflegte Innenstadt. Nicht zuletzt auch deshalb, weil es in Singapore keine Kaugummis zu kaufen gibt, sogar die Einfuhr dieser klebrigen Dinger verboten ist. In der U-Bahn hab ich mich mit einem Einheimischen unterhalten. Er vergleichte den Stadtstaat mit einem großen Gefängnis. Er meinte, Freiheit würde es nur außerhalb der Grenzen geben. So richtig glauben schenken mag ich seinen Übertreibungen nicht, denn einen Ansatz in diesen Regelungen finde ich ganz interessant. Essen und Trinken ist in zahlreichen kantinenartigen Food-Courts sehr günstig. Jeder kann sich eine warme Mahlzeit leisten. Zigaretten und Alkohol ist dafür fast unerschwinglich teuer.


 
Dennoch kommt mir Singapore vor wie eine Stadt der absoluten Dekadenz. Pompöse Einkaufsstraßen gibt es, die bekannteste davon, die Orchard Road, die alles was ich bisher gesehen habe, in den Schatten stellt. Einkaufsautobahn müsste man zu dieser eigentlich sagen. Auf 20km Länge reihen sich riesige Malls aneinander, alle vollgepackt mit den großen Marken dieser Welt. Größer als New York, teurer als Hong Kong, vielseitiger als Mailand. Wenn man also mal seine Ruhe haben möchte, drückt man der Gutsten seine Kreditkarte in die Hand und schickt sie in die Orchard Road. Ins Paradies. Wenn man sie widersehen möchte allerdings nicht, ohne vorher ein Limit auf die Karte zu setzen, denn sie wird auf keinen Fall zu früh nach Hause kommen.
Alle Einkaufstempel sind unterirdisch miteinander vernetzt, über und unter der Erde ist also gleichermaßen Gewusel. Die exklusivsten Marken haben großflächige Geschäfte rund um die Metrostationen, aus denen man beim Hochfahren mit der Rolltreppe direkt in den größten Einkaufstempeln landet. An jeder Ecke glitzert und funkelt es, gigantische Weihnachtsbäume stehen in den Foyès. Aus den Lautsprechern hallt leise Musik, in der Luft liegen angenehme Düfte. Das erste Mal kommt auf meiner Reise ein bisschen Weihnachtsstimmung auf. An einem schillernden Baum bleibe ich stehen. Um ihn herum wackelt ein Santa Claus und verteilt Geschänke an die Kinder. In Mitten der Mengen stehend habe ich den Jenaer Weihnachtsmarkt vor Augen und frage mich, wie er wohl dieses Jahr ausschaut. Der Duft von Mandeln und Glühwein, dick eingepackt gesellig beisammen zu sein, all das fehlt mir schon ein wenig. Mindestens genauso wie der bereits vergangene Herbst, der in diesen Breitengraden hier eine Unbekannte darstellt.



Ein paar Tage verbringe ich noch mit Frauke und Marcus aus Jena, die zufällig in der Stadt sind, dann packe ich meine Sachen für die nächste große Etappe. Raus aus Asien und ab nach Neuseeland..


Bali

Bali, ein Zwischenziel auf meiner Reise, auf das ich mich schon seit Längerem gefreut habe. Am Mittag stehe ich vor dem beschaulichen Flughafengebäude, das sich mit seinem roten Ziegelspitzdach und den reichlichen Verzierungen kaum von den umliegenden Gebäuden unterscheidet. Im Inneren dichtes Gedränge. Genervt quetschen sich die ankommenden Touristen durch die Nadelöhre der Kontrollpunkte. Der kleine Flughafen scheint mit der Abfertigung eines einzigen Fliegers überfordert zu sein. Auch am Ausgang klingt das Chaos nicht ab. Vor den Toren der Wartehalle mischen sich die gewohnten Heerschaaren an Taxifahren dazu und prabbeln wild gestikulierend auf die potentielle Kundschaft ein. Einen feinen Unterschied gibt es dennoch: Wurde ich in China noch mit "Sir" angesprochen, hieß es in Thailand schon "my friend". In Malaysia war ich "the boss" und hier in Indonesien sprechen sie dich mit: "Hey bro, where are you going?" an. Vom ersten Augenblick an scheint es hier also eine Spur familiärer zuzugehen.. ;)



  
Kurze Zeit später sitze ich wieder auf dem Roller. Die Touristenhochburgen im Süden, mit den hoffnungslos verstopften Straßen und all dem Trubel, habe ich bereits nach der ersten Nacht hinter mir gelassen. Clubs und Party in Kuta und Seminyak, all das erinnert mich irgendwie an Mallorca. Ist zwar auch ganz nett, aber eben nicht das, was Bali wirklich ausmacht. So glaube ich zumindest. Und so ist nach einem kurzen Zwischenstopp für ein paar Erledigungen in Balis Hauptstadt Denpasar der Weg in Richtung Westen frei - nach Tannah Lot, einem altehrwürdigem Küstentempel, den ich noch vor Sonnenuntergang erreiche. Keine zwei Stunden später verschwindet die Sonne am Horizont und hüllt den gesamten Himmel in ein wunderschönes Abendrot. Die Wasseroberfläche sieht aus aus würde sie glühen. Das Farbenspiel ist hier noch schöner, als ich es beim Fussballspielen am Strand von Kuta gesehen habe. Vor den Touren des Tempels wirft ein Angler seine Route in kleine Rinnsale und Pfützen, die sich nach jeder Welle für einen Moment in der unregelmässigen Oberfläche der Felsformationen bilden. Wenig später sind nur noch seine schwarzen Konturen zu sehen. Unermütlich in den sich ständig wiederholenden Bewegungen. Hinter ihm löscht man in dem hoch aufragenden Tempel schon alsbald das Licht und lässt die Finsternis auch über die letzten erleuchteten Bereiche triumphieren. Die Felsen füllen sich mehr und mehr mit Krabben, die im Schutze der Dunkelheit aus ihren Spalten hervor kriechen. Eine mystische Umgebung ist es nun, in der das Einzige was bleibt das ständige Kommen und Gehen des Wassers ist. Angetan fahre ich weiter. Eine riskante Nachtfahrt, in der es mir aufgrund der rasenden LKW's ein ums andere Mal Ansgst und Bange wird. Es ist fast Mitternacht, als ich an die Tür einer kleinen Pension klopfe und wenig später mein Schlafquartier beziehe. Inklusive Ameisen, Mücken und was sonst noch so in den dichten Wäldern Balis kreucht und fleucht. Auch ein paar Geckos schauen mich über Kopf an der Decke klebend mit großen Augen an. An der unweit entfernten felsigen Küste brechen sich in einem gleichmäßig donnernden Grollen die Wellen und wiegen mich in dieser einsamen Nacht in den Schlaf.


 
 

Am nächsten Morgen werde ich durch lautes Geschrei und Gepolter geweckt. Zwei Katzen haben sich auf dem Dachboden in den Haaren. Auf dem Hof stehend kräht der Hahn und leutet den bevorstehenden Tag ein. Dank des zuverlässigen Anti-Moskito-Sprays bin ich in der Nacht gänzlich unversehrt geblieben. Nach einem kleinen Frühstück am Meer breche ich auf, denn die Sonne beginnt schon wieder tüchtig, die Luft aufzuheitzen. Da ist der Fahrtwind richtig angenehm.
Schon nach ein paar weiteren Kilometern beginnt sich die Szenerie zu verändern, knattere ich mit meinem Rucksack zwischen den Beinen durch Reisfelder und kleine beschauliche Ortschaften. Aber nicht nur die Landschaft, auch die Menschen verändern sich mit - schauen dir nach und schenken dir ihr Lächeln. Manchmal ein wenig verwundert, manchmal scheinen sie froh zu sein, dass es jemand heraus schafft aus diesem Touristenkessel, in dem auch Bali irgendwo zwischen Kommerz und mehr Schein als Sein gefangen ist. Ohne Frage ist der Tourismus hier für viele das täglich Brot, jedoch offenbart er unübersehbar, was dadurch verloren geht. Wie sehr er die Menschen, ihre Grundsätze und Gewohnheiten verändert. Mal ganz davon abgesehen, was er landschaftlich anrichtet. Aber glücklicherweise hat sich Bali bis heute auch noch eine andere Seite bewahren können. Landschaftlich in seinem weitläufigen Nationalpark oder kulturell im Inneren der Insel, das geschützt durch die großen Bergmassive wie von der Außenwelt isoliert zu sein scheint. Hier begegnen dir Menschen, die mit einer Offenherzigkeit auf dich zugehen, wie man es wohl nur noch selten vorfindet. Stehen Kinder in ihren Schuluniformen winkend am Wegesrand, auf dem Weg zu ihren Familien, um gesellig beisammen zu sitzen. Enten wackeln über die Straße, Grillen zirpsen laut vor dich dahin. In der mit Tempeln übersähten Landschaft liegt eine kraftgebende friedliche Stimmung der Ruhe und Besinnung in der Luft, der man sich nur zu gern hingibt. Hart aber unmissverständlich wird einem vor Augen geführt, wie wenig eigentlich ausreichend ist, um glücklich zu sein. Entweder im Schritttempo oder den fahrbaren Untersatz irgendwo abgestellt erkunde ich diesen hoch liegenden wudervollen Teil Balis, in dem nach traditionellem Glauben die guten Götter zu Hause sind. Das Böse verbirgt sich im Meer, das viele Balinesen meiden. Ein Grund dafür, dass ein Großteil der einheimischen Bevölkerung nicht schwimmen kann. Das Wasser der umliegenden Quellen ist dafür umso heiliger und insbesondere die Warmen dienen in den frühen Morgenstunden als Bad und Gebetsstätte. Unweit der großen Zentren ist es mit der Ruhe nach der Ankunft der ersten Touristenbusse gegen Vormittag allerdings vorbei. Dort habe ich Touristen gesehen, die während der Gebete rücksichtslos dazu gestiegen sind. Ohne Feingefühl und dem Verstand für traditionelle Gegebenheiten ihre Kameras, gehandhabt wie eine Waffe, auf die Einheimischen richten und damit nicht nur den Moment sondern auch die Menschen in ihren gewohnten Abläufen stören. Wenn man sich Zeit nimmt, kommen die Menschen jedoch von ganz allein auf einen zu, reichen dir die Hand und sind genauso an dem sonderbaren Fremden interessiert wie umgekehrt. Die Bilder sind nach einer höflichen Frage und dem respektvollen Umgang miteinander dann auch umso schöner. Einige haben aber wohl noch nicht begriffen, dass wir hier nicht im Tierpark sind. Aber in der weit zurückreichenden Geschichte musste sich die kleine Insel schon immer äußerer Einflüsse erwehren, wie zum Beispiel der Unterdrückung der vom Handel besessenen Holländer, die bis heute hier ihre Spuren hinterlassen haben.
Glücklicherweise gibt es aber noch diese Gebiete, in denen sich selten Touristen verlaufen. Weit oben in den Höhenlagen, auf fast 2000 Meter über Null, ist der natürliche Rhytmus noch in Takt. Hier kommt es einem so vor, als würden die Uhren langsamer ticken. Während eines nationalen Feiertages, dem "Education of God" ist hier die gesamte Bevölkerung auf den Beinen. In aufwendigen Zeremonien strömen die Leute bepackt mit zahlreichen Gaben in Richtung der Tempel. Unauffällig in Mitten der Mengen zu sitzen und dem Treiben zuzusehen ist grandios. Ein paar Tage später werde ich sogar in Balis heiligstem Tempel, dem Besakih, gesegnet. Mir treibt es die Schamesröte ins Gesicht.




Mindestens genauso interessant wie die lokalen Bräuche ist aber die Besteigung des noch aktiven Vulkans Ganung Batur, der nicht zuletzt wegen seiner zahlreichen Ausbrüche viele Seiten in den Geschichtsbüchern Balis füllt.
Um 3:30 Uhr klingelt der Wecker. Meine Augen sind wie verklebt. Erst nach einem kräftigen Zug bin ich in der Lage, einen Blick auf die Uhr zu werfen. Nach einer kalten Dusche mache ich mich auf zum Treffpunkt, um zusammen mit einer kleinen Gruppe aus Deutschen, Franzosen und Russen die Besteigung in Angriff zu nehmen. Zwei Tourguides werden uns begleiten. Pünktlich zum Sonnenaufgang sind wir zu einer kleinen Rast unterhalb des Kraters. Tief unter uns eine dichte Wolkendecke, die nur noch durch den gegenüberliegenden Ganung Agung, mit über 3100 Metern Balis höchster Berg, durchbrochen wird. Dank der klaren Sicht kann man am Horizont die weißen Umrisse der höchsten Erhebungen der Nachbarinsel Lombok sehen. Beeindruckt und in völliger Stille genießen wir dieses großartige Naturspektakel. Ein gemeinsames Frühstück in einer kleinen Bergehütte, dann gehts hinauf zur Kraterwandung. Auf schmalen Pfaden umwandern wir den riesigen Krater, sehen aktive Spots und die verschiedenfarbigen erkalteten Lavaströme der vergangenen Ausbrüche. Eine erlebnisreiche Tour mit fantastischen Leuten findet gegen Mittag ihr Ende.
  



In den darauffolgenden Tagen kehre ich Step by Step wieder zu meinem Ausgangsziel Kuta zurück. Allmälig verschwindet das freundliche Lächeln aus den Gesichtern der Menschen und der altbekannte Trubel hält Einzug. Bali ist zweifelsohne der krönende Höhepunkt meiner bisherigen Asienreise und wird immer seinen Platz in meinen Gedanken haben. Sehr dankbar über all das, was ich hier lernen durfte, bereite ich mich auf den Abflug nach Singapore vor und freue mich schon sehr, bald Alex und Ben in Auckland zu treffen..